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«Genau hinzuschauen ist im Interesse aller»

vor 13 Stunden
6 Min. Lesezeit

Dass sich Behörden gegen Medienanfragen wehren und zum Teil Journalistinnen sowie Journalisten wie im Fall von Hochdorf blockieren, ist leider kein Einzelfall. Dies betont Eva Hirschi*, sie leitet die Geschäftsstelle von investigativ.ch. HochdorfR hat mit ihr gesprochen und unter anderem gefragt, was der Nutzen von investigativem Journalismus ist.


Recherchen benötigen Zeit und sind aufwändig, aber fundamental wichtig.  Foto HochdorfR/KI
Recherchen benötigen Zeit und sind aufwändig, aber fundamental wichtig. Foto HochdorfR/KI

Für eilige Leserinnen und Leser

Behörden blockieren Medienanfragen, Informationen werden zurückgehalten und der journalistische Quellenschutz gerät unter Druck. Eva Hirschi, Geschäftsstellenleiterin von investigativ.ch, warnt vor zunehmenden Einschränkungen der Medienfreiheit. Kritische Recherche sei kein Angriff auf Behörden, sondern ein wichtiger Bestandteil demokratischer Kontrolle. Hirschi betont, dass die Bevölkerung ein Recht darauf hat zu erfahren, wie öffentliche Gelder eingesetzt und Entscheidungen getroffen werden. Gleichzeitig fehle es vielen Redaktionen an Zeit, Personal und Geld für aufwendige Recherchen. Dabei seien gerade diese wichtig, um Missstände aufzudecken. Besonders besorgt ist Hirschi über eine mögliche Schwächung des Quellenschutzes. Whistleblower müssten darauf vertrauen können, dass ihre Identität geschützt bleibt. Andernfalls drohten wichtige Hinweise aus Angst vor Konsequenzen aus. Ihre Botschaft: Journalistinnen und Journalisten müssen hartnäckig bleiben und Blockaden öffentlich machen. Gleichzeitig seien Medienhäuser gefordert, in Recherche zu investieren. Denn investigativer Journalismus schafft Transparenz, deckt Missstände auf und stärkt die Demokratie.



Vollständiges Interview


Eva Hirschi, überall wird gespart, Redaktionen haben kaum mehr Zeit für die Recherche. Ist der investigative Journalismus tot?

Definitiv nicht. Es gibt Medienhäuser, die in den vergangenen Jahren gezielt in den Recherchejournalismus investiert haben. Ein gutes Beispiel ist SRF Investigativ: Diese Redaktion widmet sich ausschliesslich der Recherche. Das ist ein wichtiges Signal. Schweizweit sind in den letzten Jahren zudem mehrere Recherchekollektive entstanden, interessanterweise abseits der grossen Medienhäuser. Dahinter stehen engagierte Medienschaffende. Das zeigt, dass Recherche nach wie vor interessiert. Wie die ganze Branche steht aber auch der investigative Journalismus unter Druck. Entscheidend ist, dass er auch künftig die nötigen Ressourcen erhält.


Eva Hirschi, engagiert für den Investigativjournalismus. Foto Raphael Hünerfauth
Eva Hirschi, engagiert für den Investigativjournalismus. Foto Raphael Hünerfauth

Aus Sicht des Journalismus geht es ja um die Demokratie, um die vierte Gewalt, die hinschaut und falls nötig auch Personen oder Ämtern auf die Füsse tritt, was sicher nicht alle freut, oder wie sehen Sie das?

Genau hinzuschauen und Missstände aufzudecken, liegt im Interesse der Öffentlichkeit – und letztlich auch der betroffenen Institutionen. Niemand will Missbrauch, Korruption oder Gewalt. Es ist verständlich, dass sich eine Behörde nicht freut, wenn eine unschöne Geschichte ans Licht kommt. Aber Kritik an einer Behörde ist nicht automatisch ein Angriff auf sie. Sie schafft die Grundlage dafür, Fehler aufzuarbeiten, Verantwortung zu übernehmen und Zustände zu verbessern.


Das funktioniert aber nur, wenn eine Behörde genau dies begreift. Welche Erfahrungen machen Sie diesbezüglich?

Wir beobachten, dass die Berührungsängste gegenüber Journalistinnen und Journalisten eher zunehmen. Früher war der Austausch zwischen Behörden und Medien offener, man vertraute einander mehr und gab mehr Auskunft. Heute erleben wir selbst bei simplen Medienanfragen immer öfter eine Abwehrhaltung, so nach dem Motto: Die Medien wollen uns etwas «Böses». Dabei sollten Behörden verstehen, dass kritische Fragen ein legitimer und notwendiger Bestandteil demokratischer Kontrolle sind.


Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Kommunikationsbeauftragte. Ein Widerspruch?Er gibt eine Diskrepanz zwischen der Anzahl Kommunikationsbeauftragter und der tatsächlichen Transparenz: Noch nie gab es so viele Kommunikationsstellen und ganze Abteilungen – gleichzeitig erleben Journalistinnen und Journalisten häufig, dass Auskünfte verzögert, Fragen nicht beantwortet oder Informationen nur sehr selektiv herausgegeben werden. Teilweise entsteht das Gefühl, die Kommunikationsabteilungen sollen Kommunikation verhindern statt erleichtern.


Gemäss Kodex sind die Journalisten vor allem der Öffentlichkeit gegenüber verantwortlich. Hat die Öffentlichkeit ein Anrecht auf Transparenz, auf Informationen?

Wir sind alle Steuerzahlende und haben das Recht zu wissen, wie mit öffentlichen Geldern umgegangen wird und wie Entscheidungen zustande kommen. Eine Verwaltung darf keine Blackbox sein. Sie handelt im Auftrag der Bevölkerung und ist an gesetzliche Regeln gebunden – dazu gehört auch die Pflicht zur Transparenz.


Der goldene Bremsklotz 2025 ging an das Verteidigungsdepartement. Foto Raphael Hünerfauth
Der goldene Bremsklotz 2025 ging an das Verteidigungsdepartement. Foto Raphael Hünerfauth

Ihre Organisation verleiht jedes Jahr den Preis «Goldener Bremsklotz» für Personen, die Informationen zurückhalten und Anfragen blockieren. Haben Sie auch sonst mit diesem Thema zu tun oder sind die Nominierten die Ausnahme?

Die Nominierten sind leider keine Ausnahme. Über unser Netzwerk hören wir regelmässig von Journalistinnen und Journalisten, deren Anfragen blockiert, verzögert oder gar nicht beantwortet werden. Es gibt viele Beispiele. Auch sind nicht alle Formen der Informationsverhinderung auf den ersten Blick erkennbar. Selbst kleine Änderungen in Gesetzen oder Verordnungen können die Recherchebedingungen erheblich verschlechtern und die Pressefreiheit beeinträchtigen.


Wie der Quellenschutz, der zurzeit angegriffen wird im Parlament. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Sehr sogar. Der journalistische Quellenschutz ist in der Schweiz im internationalen Vergleich schon heute nicht sehr hoch. Ihn weiter einzuschränken, wäre ein gefährlicher Schritt. Dabei sieht das Gesetz bereits heute Ausnahmen vor, der Quellenschutz gilt nicht absolut. Es gibt keinen Grund für weitere Einschränkungen. So steht etwa im Raum, dass Quellen erst durch nachträgliche Rechtfertigungsgründe geschützt werden. Ist eine Quelle aber erst einmal enttarnt, lässt sich dies nicht rückgängig machen – diese Aussicht kann potenzielle Quellen abschrecken.


Recherchen sind die Basis schlechthin, auch in Fällen wo die Informationsfreiheit mit Füssen getreten wird. Wie wichtig sind aus Ihrer Sicht Quellen als Teil der Recherche?

Viele wichtige Missstände konnten nur aufgedeckt werden, weil Whistleblower sich getraut haben, mit einer Journalistin oder einem Journalisten zu sprechen – dies, obwohl es für sie ein grosses Risiko darstellt. Sie müssen darauf vertrauen können, dass ihre Identität geschützt bleibt und ihnen weder Kündigung noch Strafverfolgung droht. Gleichzeitig sind Journalistinnen und Journalisten auf Quellen und Belege angewiesen, um Missstände belegen zu können. Wird der Quellenschutz geschwächt, steigt das Risiko für potenzielle Quellen – und die Wahrscheinlichkeit, dass sie schweigen. Dann bleiben Missstände womöglich verborgen.


Wie schätzen Sie generell die Situation in der Schweiz ein, angesichts der weltweiten Verschärfung im Umgang mit Journalisten?

Auch in der Schweiz müssen wir wachsam bleiben, insbesondere, was neue Gesetze angeht, die die Pressefreiheit schwächen könnten. Unsere Branche muss solche Entwicklungen früh erkennen und sich entschieden dagegenstellen. Gleichzeitig stehen Medien vor der Aufgabe, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Da spielt der Recherchejournalismus eine wichtige Rolle: Wenn die Leserschaft merkt, dass – anders als in sozialen Medien oder dubiosen Online-Plattformen – in traditionellen Medien nur geprüfte Informationen publiziert werden, könnte dies den Wert des Journalismus wieder stärken. Diesen Wert des Journalismus müssen wir gerade in Zeiten von Desinformation und Propaganda sichtbar machen.


Auf der anderen Seite ist es so, dass Redaktionen Medienmitteilungen unhinterfragt abdrucken und wenn man nachfragt, kommt meistens die Antwort: Keine Zeit. Ist das nicht ein Problem, dass Recherche vor allem kostet und Redaktionen darum auf solche verzichten?Das ist ein grosses Problem. Investigative Recherchen brauchen Zeit, Personal und Geld – manchmal über Wochen oder Monate. Doch genau so entstehen Geschichten, die der Öffentlichkeit einen echten Mehrwert bieten. Und im Übrigen auch gut gelesen werden. Die künstliche Intelligenz kann vielleicht eine Medienmitteilung zusammenfassen, aber keine Missstände aufdecken. Dafür muss man mit vielen Personen sprechen, Hinweise in Berichten finden, Dokumente prüfen, analysieren und einordnen. Die Zeit und das Geld, die Verlage dank KI sparen, sollen sie deshalb in Menschen investieren, die recherchieren können.


Das Podium und die Diskussionen bei der Jahreskonferenz von investigativ.ch stossen auf reges Interesse, Foto Raphael Hünerfauth
Das Podium und die Diskussionen bei der Jahreskonferenz von investigativ.ch stossen auf reges Interesse, Foto Raphael Hünerfauth

Was empfehlen Sie Journalistinnen und Journalisten, wenn Sie bei Nachfragen auf Granit stossen?

Wichtig ist, darüber zu reden, auch mit Fachorganisationen, und die Blockade publik zu machen, statt eine Recherche einfach fallen zu lasen. Wenn Journalistinnen und Journalisten wegen Widerstand auf kritische Berichterstattung verzichten, kann das zu Selbstzensur führen. Bei Angst vor Konsequenzen spricht man auch von einem Chilling-Effekt, also einer Einschüchterung. Journalistinnen und Journalisten müssen hartnäckig bleiben, auch wenn es nicht einfach ist. Wir unterstützen Medienschaffende mit Coaching und Vernetzung, damit Erfahrungen und Wissen geteilt werden und der Journalismus gestärkt wird.


Wagen wir einen Ausblick: Wohin geht die Reise aus Ihrer Sicht, welche Themen stehen in nächster Zukunft an?

Wir müssen das Verständnis stärken, dass Investigativjournalismus eine zentrale Form demokratischer Kontrolle ist. Dafür braucht es Journalistinnen und Journalisten, die hartnäckig und widerstandsfähig bleiben und sich nicht einschüchtern lassen – aber auch Medienhäuser, die Recherche als notwendige Investition begreifen und entsprechend Ressourcen bereitstellen. Die Klickzahlen sprechen eigentlich für sich: Investigative Recherchen werden gut gelesen, weil sie spannender sind als die Zusammenfassung einer Medienmitteilung. Ebenso wichtig ist, dass die Öffentlichkeit nachvollziehen kann, wie Journalismus funktioniert: etwa, dass Aussagen mit Dokumenten belegt werden müssen, es ein Zwei-Quellen-Prinzip gibt und nur Informationen von öffentlichem Interesse publiziert werden. Anerkennt die Bevölkerung den Wert von Journalismus – und ist sie auch bereit, dafür zu bezahlen –, sind wir einen wichtigen Schritt weiter.

 

| HochdorfR


* Eva Hirschi (1990) leitet die Geschäftsstelle von investigativ.ch mit einer 30-Prozent-Stelle. Sie arbeitet als freie Journalistin für diverse Medien. Sie kommt aus Bern, hat in Genf Internationale Beziehungen und Kommunikation studiert und wohnt in Lausanne.

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