Einfach Kind sein – auch in der Trauer
- 28. Mai
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Der «TräneTräff» ist ein Angebot, welches zurzeit noch wenig bekannt ist. Vollkommen zu unrecht, denn er erfüllt eine wichtige Aufgabe für Familien, die einen Verlust erlitten haben. Die Zielgruppe dieses Treffs sind aber nicht die Erwachsenen, sondern die Kinder. HochdorfR hat mit den beiden Leiterinnen gesprochen, die erklärt haben, warum Kinder einen eigenen Platz brauchen, um ihre eigene Trauer zu verstehen und zu akzeptieren.

Ein Todesfall kann eine Familie in einen Ausnahmezustand versetzen, das weiss Ruth Estermann-Aeschbach aus eigener Erfahrung. Dabei bemerkte sie, dass Kinder der betroffenen Familien in der öffentlichen Wahrnehmung kaum ein Thema sind. «Als erwachsene Person wurde man schnell auf Angebote hingewiesen, ich bekam Ratschläge und Tipps für ganz unterschiedliche Therapieformen oder Treffen, allesamt für Erwachsene.» Man gehe einfach davon aus, dass Kinder das eher verarbeiten können, in ihrer kindlichen Art. Die Traumatherapeutin Marisa Widmer aus Hochdorf warnt aber davor, das «Normale» als normal anzusehen. «So etwas wie ein Normal gibt es nicht bei einem Trauma wie einem Todesfall in der Familie. Wenn ein Kind sich also nichts anmerken lässt, heisst das noch lange nicht, dass es nicht trauert.» Denn jeder und jede würde anders trauern, also auch die Eltern beim Tod eines Kindes. «Ich musste als Mutter lernen und akzeptieren, dass mein Mann anders trauert und das nicht falsch war, sondern einfach nur anders», erklärt Ruth Estermann-Aeschbach. Für die Kinder sei dies mitunter eine schwierige Situation, eben ein Ausnahmezustand, welcher in einer Trauergruppe unter Gleichaltrigen Platz haben kann, ausserhalb der Familie, ausserhalb dieser belastenden und belasteten Situation. «Als ich etwas für meine Tochter suchte, fand ich zunächst mal nichts, zumindest nicht hier im Seetal.» Fündig wurde sie in Thalwil und so lernte sie schliesslich Marisa Widmer kennen, welche dort seit fünf Jahren eine Trauergruppe für Kinder leitet. Mittlerweile bieten die beiden, welche in Deutschland dazu eine Ausbildung absolviert haben, gemeinsam eine Trauergruppe für Kinder in Hochdorf, beziehungsweise in Kleinwangen an. «TräneTräff» heisst die und steht allen trauernden Kindern im Seetal und der Region zur Verfügung.

Ruth Estermann-Aeschbach hat aus erster Hand erfahren, wie hilfreich ein solches Angebot als Mutter, als Elternteil sein kann. «Meine Tochter hatte einen Ort, wo sie ihre Trauer unbeobachtet von mir oder meinem Mann zum Thema machen konnte, auf ihre Art und Weise. Das war eine grosse Hilfe und auch Erleichterung für mich.» «Kinder haben ja oft noch keine Sprache für den Verlust eines Menschen», erklärt dazu Marisa Widmer. «In der Trauergruppe können sie einfach Kind sein. Dabei geht es vor allem um sie selber. Ihre Gefühle, ihre Sichtweisen stehen im Mittelpunkt.» Unterschiedliche Methoden würden dabei die Kinder auch unterschiedlich abholen. «Die einen reden gerne, andere nehmen sich dabei lieber zurück und äussern sich kreativ», erzählt Ruth Estermann-Aeschbach. Was aber generell auffalle sei, dass Kinder neugierig seien und daher Themen direkt ansprechen oder auch Fragen stellen, wo Erwachsene eher vorsichtig seien. «Es ist wichtig, dass die Kinder unter sich und auch frei sind, einen sicheren Platz finden», erklärt Marisa Widmer. Frei und mit ihrer eigenen Geschichte. Verlust spielt dabei immer eine Rolle: Verlust eines Elternteils, eines Geschwisters, aber auch von Onkeln, Tanten oder Grosseltern, denen das Kind sehr nahe stand. «Letztendlich lernt das Kind, dass Trauer viele Formen annehmen und sich auch verändern kann», so Ruth Estermann-Aeschbach. «Vor allem aber ist Trauer keine Krankheit oder dergleichen.» Belastend kann sie aber auch sein, die Trauer, wenn das Kind zum Beispiel sich fragt, ob es überhaupt lachen dürfe, wenn doch die Mutter weine, oder fröhlich sein dürfe, trotz des Verlusts, trotz der Trauer. «Wir benützen gerne das Bild von den Pfützen. Die Kinder hüpfen von der einen zur nächsten», erklärt Marisa Widmer. «Niemand ist 24 Stunden pro Tag traurig und bei Kindern kann sich das schnell ändern, von Situation zu Situation, eben von Pfütze zu Pfütze.» In der Trauergruppe lernen sie, ihre Art von Trauer anzunehmen und dass diese sich verändern kann. Sie lernen sie und sich anzunehmen, mit anderen auch darüber zu reden. Und sie lernen, dass sie nicht alleine sind, dass es andere Kinder mit anderen Verlusten, mit anderen Arten von Trauer gibt.

Rund zwei Stunden dauert ein Treffen. Die Kinder fangen an, mit einem Gefühlswürfel, auf dem unterschiedliche Symbole aufgemalt sind, zu erzählen, mit welchen Gefühlen sie angereist sind. Sie können mit einem Fragestab Redezeit einfordern oder eine Frage stellen, Geschichten werden erzählt, es wird gebastelt, gemalt, gesungen. «Alle Sinne sollen angesprochen werden», so Ruth Estermann-Aeschbach. Wie lange die Kinder die Gruppe besuchen, sei dabei sehr unterschiedlich, ergänzt Marisa Widmer. «Die einen sind Jahre dabei, andere machen nur wenige Male mit.» Das Angebot selber sei in Hochdorf noch nicht sehr bekannt, «wir stecken hier tatsächlich noch in den Kinderschuhen.» Der "TräneTräff" kann aber eine Familie im Ausnahmezustand unterstützen und den Kindern Platz sowie eine Stimme geben. Oder anders: Ihrer Stimme Platz geben kann. Denn Trauer könne sich in Wut, oder Rückzug, zudem auch erst einige Zeit nach dem Verlust zeigen, weiss Marisa Widmer. «Mit der Trauergruppe lernen die Kinder darüber zu reden, ihre Gefühle zu reflektieren, auf ihre Art, ohne Wertung von Erwachsenen.» Denn oft sei es auch so, dass Erwachsene bei einem Verlust mitunter tendieren, die Kinder beschützen zu wollen, was auch zu viel des Guten sein könne. Daher sei es wichtig, dass die Kinder einen eigenen Platz finden, der nur ihnen gehört und so den Verlust mit ihren eigenen Möglichkeiten verarbeiten und vielleicht sogar akzeptieren können.

Der «TräneTräff» schliesst eine wichtige Lücke in der Trauerarbeit, die sich ansonsten vor allem auf Erwachsene konzentriert. Er ist eine Entlastung für Familien, für Eltern aber auch für die betroffenen Kinder selber. Die beiden Leiterinnen sind erfahren und zertifizierte Familientrauerbegleiterinnen. Wo sich die Gruppe trifft, wird aufgrund der Anmeldungen entschieden, «wir können auf mehrere Räume in Hochdorf und Umgebung zurückgreifen», sagt Ruth Estermann-Aeschbach. Das Ziel: Stärkung und Sicherheit auf dem Trauer- und Lebensweg der Kinder, die von einem Verlust betroffen sind. Denn obwohl mit den Flügeln der Zeit die Traurigkeit davon fliegt, wie es einst der Schriftsteller Jean de La Fontaine so treffend formuliert hat, ist Trauer ein Weg, den jeder und jede für sich gehen muss. Für Kinder, die hoffentlich noch viel Lebensweg vor sich haben, ist daher eine Begleitung besonders wichtig. «Trauer endet nie», so Ruth Estermann-Aeschbach, «sie verändert sich aber.» Und wenn Kinder dies erkennen sowie erfahren, haben sie einen wichtigen Schritt getan.
Kontakt «TräneTräff»:
Ruth Estermann-Aeschbach, info@ruthestermann-daheim.ch, 079 250 65 92
Marisa Widmer, info@stelldichauf.ch, 076 495 89 87
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