Kommentar: Nicht einmal die Mehrheit spricht für die Mehrheit
- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
In der aktuellen Ausgabe des Seetaler Bote vom 25. Juni schreibt Fabian Britschgi aus Urswil über die Frage: "Wer spricht für die Mehrheit?". Der Leserbriefschreibende macht sich Sorgen über eine Entwicklung, nämlich dass Kritik oft "mehr Aufmerksamkeit als Einordnung, Differenzierung oder das Sichtbarmachen dessen, was funktioniert", erhalte. Weiter schreibt er: "Dank digitaler Kanäle können heute einzelne Stimmen eine grosse Reichweite erzielen. Dadurch entsteht rasch der Eindruck, sie würden für viele oder gar die Mehrheit sprechen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, bleibt oft offen. Reichweite ist nicht dasselbe wie Repräsentativität. Lautstärke ist nicht automatisch Mehrheit."

HochdorfR ist so eine Stimme, zwar keine einzelne, denn dahinter stehen Menschen, die Themen sammeln, beobachten, sich einbringen, mitdenken. Aber etwas muss hier klargestellt werden: Journalismus hat absolut nie die Absicht, für jemanden zu sprechen, sowieso nicht für die Mehrheit, sondern zu berichten was im öffentlichen Interesse ist. Politische Parteien hingegen haben sehr wohl die Meinung, jeweils für die Mehrheit zu sprechen, auch wenn sie damit immer wieder bei Abstimmungen gehörig auf die Schnauze fallen, wie bei der Grüngutreglement-Absimmung oder der Abstimmung über die Parkplätze auf der Scherermatte.
Fabian Brischtgi, übrigens Co-Präsident der GLP Hochdorf, Mitglied der Raumplanungskommssion und ehemaliger Gemeinderats-Kandidat, betont zum Schluss in seinem Leserbrief: "Deshalb sollten wir uns nicht nur fragen, was alles schlecht läuft. Sondern auch, wie wir eine Debattenkultur pflegen können, die Kritik zulässt, ohne Vertrauen zu zerstören, und die Bereitschaft stärkt, Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen." Das ist insofern interessant, als auch die GLP eine Debattenkultur verweigert und ein Interview mit dieser Plattform abgelehnt hat. Eine Debattenkultur muss man, da stimme ich Britschgi zu, pflegen, aktiv, nicht einfach mit Leserbriefen und geschriebenen Worten. Ein Gespräch abzulehnen und dann von einer solchen Kultur zu reden, passt zur Politk: Viele Worte, beim Handeln happerts dann halt. Und übrigens: "Verantwortung für die Gemeinschaft zu übernehmen" bedeutet auch, der Wahrheit, Offenheit, Ehrlichkeit gegenüber dieser Gemeinschaft verpflichtet zu sein und dies zu leben.
Der Leserbrief passt aber in den Chor der kritischen Stimmen gegen digitale Kanäle wie HochdorfR, die es natürlich absolut gegen darf, also die kritischen Stimmen, die sich aber nicht äussern, wenn man sie anfragt. Es passt aber auch, dass die Politik investigativen Journalismus nicht mag, nicht will. Und es zeigt ein Problem in Hochdorf auf, denn viele, die sollten, schauen zu wenig hin, fragen zu wenig, hinterfragen zu wenig. Sie können nun aber ebenso eine Plattform gründen, eine digitale und einen Lobgesang auf alle Kommissionen und Gemeinderäte anstimmen. Denn wie hat Fabian Britschgi geschrieben: "Noch nie war es so einfach, Informationen, Meinungen und Kritik öffentlich zu machen." Zur Klarstellung: Im Falle von HochdorfR ist es leider alles andere als einfach. Die Gemeinde zensurierte und boykottierte bis sie nicht mehr konnte, die Parteien verweigerten sich, ausser der SVP, Antworten kommen nur zögerlich oder so, dass man viel recherchieren muss, um diese zu überprüfen, die Recherchen im Netz und vor Ort sind zudem sehr aufwändig. Aber das ist der Preis, wenn man Fakten präsentiert, wie im letzten Artikel deutlich aufgezeigt. Positiv ist aber, dass HochdorfR mittlerweile so wichtig ist, dass man sich auch mit einem Leserbrief dagegen wehren muss. So gesehen: Danke.
Themen gibt es leider noch viele und fast alle haben mit Intransparenz zu tun. Genau deshalb braucht es HochdorfR. Um hinzuschauen und transparent machen, was manche verhindern möchten. Oder wie sagte es (scheinbar) George Orwell: "Journalismus ist das zu drucken, was andere nicht gedruckt haben wollen: alles andere ist Werbung." Von einer Mehrheit war nie die Rede.
| Claudio Brentini | Herausgeber HochdorfR





Kommentare